Taubenfederzweige

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Das hier habe ich auf meinem Heimweg gefunden. Ein ergötzliches Ensemble aus Taubenfedern und einer Art von Zweigen oder Nadeln, platziert in einer gekachelten Unterführung. Der Connaisseur erkennt leicht die Spannung zwischen rechteckiger Kachel und runden Zweignadeln. Es könnte fast ein Nest sein. Das Nest eines Vogels, der schlicht nicht einsehen will, dass Unterführungen sich nicht zum Nestbau eignen. Ein sturer Vogel. Sicher eine Taube, wo Tauben doch selbst vor spitzen Nadeln, die eigens zu ihrer Abwehr errichtet wurden nicht zurückschrecken.
Als wolle die Taube sagen: Das ist unser Haus! Also unsere Unterführung. Was wohl für Taubenküken in so eine Unterführung aufwachsen würden? Der erste Flugversuch wäre eine Herausforderung. Bemerkenswert aber auch, dass man als Mensch nun gleich denkt: Was für eine kalte Umgebung für einen Vogel. Auch als Mensch nimmt man das ja nicht als optimale einladende Umgebung wahr. Nur schreibt man der Taube, nach aktuellem Forschungsstand nicht viel mehr als eine seelenlose Sache, einen gleichsam höhere Naturverbundenheit zu.
Auch als Mensch müsste man sagen: Diese Unterführung muss beggrünt werden! Wir tapezieren sie mit Moos und Flechten, reißen die Kacheln herunter und lassen künstliche Tropfsteine wachsen und außerdem spielen wir Vogelgesang aus einem Lautsprecher ab! Das wäre mal eine Unterführung.
Ich bin so entfremdet von der Natur, dass ich auch gar nicht sagen kann, ob es sich bei den Planzenresten nun um Nadeln, Zweige oder etwa die Stoßzähne sehr kleiner und schmaler Elefanten handelt.
Gut möglich, dass in unseren Städten kleine Elefanten wohnen, die wir nur nie sehen, weil sie schnell sind wie der Wind und unser Blick nicht geschult darin ist, sie zu sehen. Wenn wir auch im urbanen Raum mit dem Unurbanen rechneten, fiele uns vielleicht noch viel mehr ins Auge außer Mikro-Elefanten – Hamstergiraffen, Affen mit alten Reifenfelgen als Kopfbedeckung, Kolibris mit USB-Anschluss…
Am Ende ist der ganze Haufen nur ein Produkt inkonsequenter Unterführungsreinigung. Oder der Unterführungskehrer sagte sich: „Warum immer nur fegen, wenn man auch Kunst machen kann? Ein paar Federn, diese Zweignadeldinger hier und ab gehts zur documenta!“
Nur weiß ich gar nicht, ob das wirklich Taubenfedern sind. Vielleicht auch konservierte April-Wolken. Dieser April wäre in einer Unterführung auf jeden Fall gut aufgehoben.

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