Das Loch in der Wand

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Dieses Loch ist seit neuestem in meiner Wand. Im Nebenzimmer ist gerade eine Baustelle. Die Wand, die bisher aus nicht viel mehr als einer Rigips-Platte bestand, soll endlich verstärkt werden, um zumindest die allerleisesten Geräusche nicht mehr in den Nebenraum zu übertragen. Auch die akustischen Verhältnisse in meiner Wohnung sind sicher berichtenswert, aber mir geht es zunächst um das Loch.
Nun könnte man sagen: Welches Loch? Schließlich sieht man ja kein Loch, das wirklich einen Raum dahinter frei gäbe. Vielmehr handelt es sich um ein Nicht-Loch, also ein Loch, das zwar ein Stück weit als solches zu erkennen ist, aber soweit geflickt wurde, dass es eine der Grundbedingungen des Loch-Seins nicht mehr erfüllt, also einen Durchgang zu einem anderen Raum freizugeben. Allerdings tun das beispielsweise Astlöcher auch nicht. Sie sehen zwar aus wie ein Loch im Ast, sind aber nicht viel mehre als eine Vertiefung im Holz. Für ein sehr kleines Lebewesen wie einen Baumfloh, oder was auch immer sonst so in dieser Natur lebt, wäre das natürlich schon ein Krater.
Das Nicht-Loch extsiet aber zweifelsohne und verursacht in mir trotz der unbestreitbaren Intaktheit der Wand ein Gefühl der Unruhe. Ich merke: Die Wände um mich herum sind nicht so abschließend wie sie sein sollten. Zwar besteht wie gesagt eine neue Wand, die sich hinter der alten abzeichnet, die auch viel dicker ist als die alte, dennoch verursacht mir das Fehlen der abgeschlossenen durchgängigen Oberfläche jenes Gefühl der Inintaktheit oder Unintaktheit, schon das Wort ist so unmöglich wie der Zustand.
In unserer Welt der Oberflächen stellt ein solches Loch einen Einbruch von Kontingenz, purer Gegenständigkeit der Welt, der für mich nur schwer zu ertragen ist. Ist aber nicht gerade ein unsauber geflicktes Loch der Zustand unserer Existenz? Sind es nicht gerade die To-Do-Listen, die hinter jedem abhakten Problem zehn neue in Aussicht stellen. Ist nicht gerade die geflickte Stelle in unserer Individualität, die Stelle, die uns individuell oder authentisch macht? Wie man zum Beispiel stets versucht, die eigene Schüchternheit zu überspielen und gerade in dem Moment, in dem nicht etwa die reine Schüchternheit sondern der Versuch des Überspielens sichtbar wird, sich selber am meisten offenbart.
Ich werde das Loch, das keines ist, auf jeden Fall als Monument meiner Individualität an der Wand bestehen lassen. Das ist übrigens ein amüsant narzistischer Gedanke. Schließlich habe ich selbst das Loch nicht verursacht, noch irgendetwas Anderes zu seiner Entstehung beigetragen. Ich identifiziere mich nur damit, weil es in meinem Zimmer ist. Genau genommen ist es nicht mal in meinem Zimmer, sondern daneben. Die Wand, die das Zimmer begrenzt, verläuft ja vor oder über dem Loch.
Es wird ein weiteres Mal zu ergründen sein, was mein Zimmer überhaupt mit mir zu tun hat und wo ich das Recht hernehme, es mein Zimmer zu nennen. Nun nehme ich Platz vor dem Loch, das keines ist und harre der Dinge, die es vielleicht verbergen könnte.

1 Kommentar zu „Das Loch in der Wand“

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