Das Dimensionstor

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Ich stand im Hotelflur in Hannover, als mir die Veränderung auffiel. Dieser Flur war kein Flur wie jeder andere. Er verweigerte sich dem simplen Dasein eines Hotelflurs. Als wolle er sagen: „Mag meine Bestimmung auch die sein, in einem zweitklassigen Hotel den Besuchern Passage zu gewähren, ich bin ein Wurmloch. Wer mich offenen Auges durchschreitet, soll die Wunder der Galaxis zu sehen bekommen und eine Ahnung vom Licht am Ende des Tunnels der niederen Existenzen.“
Während ich mir den Weg zu meinem Zimmer durch den leeren Raum bahnte, wurde ich des Musters auf dem Teppich gewahr und dachte: Wenn ich nur fest genug daran glaube, könnte dieser Flur mich überallhin bringen.
Und da dachte ich: Vielleicht bräuchte man einen Flur für die Hosentasche. So einen Flur, den man überallhin mitnehmen kann. Wenn man in eine Sackgasse geraten ist, legt man einfach den Flur vor sich auf den Boden und schon geht es weiter.
Dann könnte man mit Fug und Recht sagen: Es gibt immer einen Ausweg, oder zumindest: Es gibt immer einen Flur, der ein bisschen wie ein Wurmloch aussieht.
Wenn euch also im Leben etwas Übles widerfährt, denkt immer an den Flur. Irgendwo ganz nahe bei euch, nur ein Paralleluniversum entfernt, ist er. Immer bereit, euch in ein zweitklassiges Hotelzimmer zu führen. Und wohin könnte man besser fliehen, als in ein zweitklassige Hotelzimmer?

Blatt – in echt!

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Das ist ein Blatt. Na ja, kein echtes. Aber was spielt das überhaupt für eine Rolle? Wann ist denn ein Blatt nun echt und wann nicht? Wir leben in einer Zeit, in der das Unechte schon echter ist als das Echte.
Insofern müsste das Blatt auf der Mauer für uns ein echtes Blatt sein. Andererseits erhält es seine Qualität erst dadurch, dass es nicht echt ist. So wie das Internet, die Serien, die Filme, die Werbung für uns gar nicht echt sein muss. Weil wir das Unechte suchen.
Nicht, dass wir die Qualität eines echten Blattes nicht schätzen würden. Wir sagen dann: „Oh, ein echtes Blatt, wie schön! Wie authentisch!“ Dabei sind wir es, die dafür sorgen, dass das echte Blatt für uns zu etwas Besonderem wird, weil wir uns von der Natur entfernen. Schon die Benennung des Blattes, als Blatt wie auch seine Abbildung sorgen dafür, dass wir auf immer in der Welt der Künstlichkeit verloren sind.
Wer weiß? Vielleicht gibt es auch bald Dialoge wie diesen:
Guck mal, das Blatt da!
Was? Wo?
Na da, an dem Baum.
Hä? Baum? Ach so, du meinst den echten Baum da.
Ja, ist doch toll!
Weiß nicht, diese echten Bäume. Da kann man nicht mal die Farbe verändern. Gar kein Userinterface. Was soll der Quatsch?
Ja, gut, ist vielleicht ein bisschen retro…
Ich weiß echt nicht, welcher Nerd sich das ausgedacht hat, echte Bäume, pfff…
Ich meine, das gesprayte Blatt sieht ja auch wirklich besser aus, oder? Die Farben sind viel greller, der Hintergrund ist auch besser. Ein echtes Kunstwerk. Echte Blätter sind keine Kunstwerke. Sie sind einfach nur da. Was ist besser? Ein Kunstwerk sein, oder einfach nur da sein? Auch eine interessante Frage, was einen selber angeht. Will man lieber ein Hingucker, ein Star, ein wandelndes Bewerbungsschreiben sein oder einfach nur da sein? Das zweite hört sich wesentlich unspektakulärer an.
Und gerade deshalb könnte es das Lohnendere sein. Den ewigen Anspruch an die eigene Biografie, das Erscheinen hinter sich lassen – das acht einen wirklich glücklich. Nur wie soll man das anstellen, wenn alles um einen herum zu schreien scheint: Sei jemand! Einfach nur da sein ist gar nicht so einfach. Das muss dem Blatt erst mal jemand nachmachen.

Black Box Garden

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Das hier ist ein sogenannter Black-Box-Garten. Das hat uns jemand bei einer Gartenführung erklärt. „BLack Box“ genannt, weil man einfach irgendwelche Dinge zusammen schmeißt und wachsen lässt. Ich bin mir nicht sicher, ob das hier wirklich gemacht worden ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass nach dem ersten Versuch nur ein paar traurige Stängel rumstanden und man hier eher sieht, was über Jahre entstanden ist. Die Idee fand ich trotzdem gut. Einfach mal schauen, was rauskommt.
Vielleicht könnte man auch so kochen: Einfach Zutaten in einen Topf schmeißen, kochen, würzen, fertig. Das würde weniger gut funktionieren, gerade weil man ja doch sieht, was man da in den Topf wirft. Es beeinflusst ein Experiment immer, wenn man es anschaut, zumindest ist das so in der Quantenphysik. Oder es ist das, was wir Laien in der Quantenphysik sehen.
Wollte man daraus eine Weisheit fürs Leben ableiten, könnte man sagen: Wahres Leben entsteht nur ohne Absicht. Nur was man nicht plant, kann auch wirklich gelingen.
Dieser Garten ist auch nur ein Versuch. Der Versuch, absichtslos ein Beet anzulegen. Leider unterläuft dieses Konzept aber sich selbst, weil ja von vornherein beabsichtigt war, einen Garten anzulegen. Wirklich großartig wäre es, wenn man gar nicht geplant hätte, einen Garten anzulegen, ja nicht einmal ein Stück Erde für den Garten vorgesehen hätte. Wenn einem zufällig ein paar Samen aus der Tasche gefallen wären, von denen man gar nicht wusste, dass man sie in der Tasche hatte und die dann dieses Beet geformt hätten, samt der klaren Kante an den Seiten.
Klar, dass das nicht der Fall war. Wenn man schlau ist, schafft man es aber, sich im Nachhinein zu überzeugen, dass alles gar nicht geplant war. Insofern ist Vergessen ein wichtiger Faktor.
Je mehr man vergisst, desto mehr kann man sich an den vermeintlichen Zufällen freuen. „Huch, ich habe gerade Abitur gemacht! Wie ist das denn passiert?“ „Ich arbeite als Bankangestellter? Echt? Wie bin ich hierhergekommen?“
Meistens ist es nicht so. Wir sind uns der Geschichte der Dinge bewusst, oder glauben, es zu sein. Man sollte sich häufiger mal eine Black Box gönnen.
Huch, wo kommt denn dieser Text her? Gerade wollte ich noch etwas schreiben, da stand er schon da.

Elektro-Handtuch

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Diese Handtuch habe ich in unserer Küche entdeckt. Das war, als ich mal wieder etwas schreiben wollte. Ist schon ein Weilchen her. Der Grund: Die Energieströme meines Alltags. Sie trugen mich fort. Auf ungewisse Wiederkehr. Auf seltsame Art und Weise ist damit dieses Handtuch genau meinen Erwartungen gerecht geworden.
Das Handtuch sorgte für eine Übertragung in eine andere Richtung. Das klingt jetzt esoterisch. Energien, die irgendwo hingehen. Physiker können da nur den Kopf schütteln.
Unsere Welt mit all ihren Energien funktioniert aber so. Jemand sagt: „Ich präsentiere: Das Elektro-Handtuch! Es kann nichts Anderes als andere Handtücher, aber es ist total elektrisch!“ Im Prinzip ist es ja egal, ob das Handtuch mehr kann, als abtrocknen. Wenn man seine Energie auf es überträgt, kann dieses Abtrocknen eine Wahnsinnsbedeutung für einen bekommen.
Es ist wie mit Fidget-Spinnern. Angeblich dienen diese Spielzeuge der Entspannung. Warum? Weil es draufsteht: Dient der Entspannung. Das ist wie Hypnose. „Benutzen Sie dieses Ding und sie werden entspannt sein.“ Klar, man könnte sich auch einfach so entspannen.
Wie man auch elektrisch sein könnte, ohne ein Handtuch zu benutzen. Aber das wäre ja nicht entertaining genug. Wo käme man hin, wenn die Leute einfach so Spaß hätten, einfach so entspannen würden, einfach so elektrisch wären? Wo blieben da die Gegenstände und die Industrie, die sie herstellt?
Was ich an diesem Handtuch allerdings genial finde, ist, dass es gar nicht so ein abgefahrenes Gerät ist. Es blinkt nicht mal. Wäre auch blöd, wenn man bei der Benutzung Stromschläge bekäme.
Ich frage mich nur: Warum lassen wir uns vorschreiben, welches Zeug uns in welche Stimmung versetzen soll? Nehmen wir doch mal den Harmonie-Tee aus dem Regal und schreiben „Extase-Tee“ drauf. Vielleicht funktioniert es ja. Alles könnte alles für uns sein. Auf Schokoriegeln steht ja manchmal auch, dass sie gesund seien. Und als man das noch glaubte, fühlte man sich gesund. Warum also nicht den Baum vor dem Fenster anschauen und beschließen: Das ist der Musik-Baum, jedes mal, wenn ich ihn sehe, werde ich großartige Musik in meinem Kopf hören. Wenn man das trainiert, funktioniert es bestimmt.
Gut, in Wirklichkeit ist das Handtuch ein Werbegeschenk. Von einem Elektriker. Zumindest steht das auf dem Rest des Handtuchs. Oder ein Installateur hat sich da einen Scherz erlaubt. Und statt „Installation“ „Elektro“ drauf geschrieben. War zu schüchtern, um für sich selber Werbung zu machen. Ja, warum machen nicht alle Unternehmen für andere Unternehmen Werbung? „Sind Sie gelangweilt von unserer Auto-Werbung? Wir auch. Deshalb stellen wir Ihnen heute mal einen Anbieter für Gartenerde vor.“ So würde Werbung wieder Spaß machen.
Ich wickle mich jetzt in mein Elektro-Handtuch, bevor ich noch weiter abscheife, ich habe dem Handtuch nämlich eingeredet, dass es eine Daunendecke ist. Es hat nicht widersprochen.

Besuch von drüben

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Heute auf unsere Terrasse. Ein Bündel Natur auf einem Stuhl. Es ist der Busch, der gerne in Western durchs Bild rollt. Heute besucht er mich, um mir zu sagen: „Ich habe keine Lust mehr, durch Bilder zu rollen um anzuzeigen, dass nichts los ist. Ich will selber mal im Mittelpunkt stehen. Ich bin so müde geworden vom bedeutungslos durch die Steppe rollen. Wissen Sie eigentlich, wie das ist? Wenn alle Leute, immer wenn man auftaucht, sagen: Ah, der Strauch, haha, das heißt es ist gar nichts los! Dabei ist eine Menge los mit mir. Ich habe viele Abschnitte der Prärie gesehen.“
Ich erkläre dem Wanderstrauch auf jeden Fall meine Solidarität. Oft genug bin ich selber bedeutungslos irgendwo durch gerollt.
Hier hat auch die Natur Platz genommen. Außerdem handelt es sich um Kräuter, Thymian, oder so. Die Würze des Lebens sitzt also auf meiner Terrasse. Man müsste viel mehr Pflanzen auf Stühle stellen. Dieses Ganze: Nur Menschen und Haustiere sitzen auf Stühlen – ist doch Schwachsinn. Wenn mehr Pflanzen auf Stühlen säßen, dann gingen mehr Menschen zu Fuß.
Die Natur hat sich in einen Wirbel verdichtet, der jetzt Platz nimmt. Es könnte auch der Anfang eines Alien-Invasions-Filmes sein. Eines Morgens sitzt da ein Pflanzenwirbel und man denkt sich noch: Ach, das bedeutet doch nichts. Und dann tauchen immer mehr von den Dingern auf. In der Dusche. Im Kühlschrank. Bis man nicht mehr hinterher kommt.
Vielleicht ist die Pflanze auf dem Stuhl aber auch nur der Wink mit dem Zaunpfahl der Natur: Lass auch mal andere Dinge in dein wohl geordnetes Menschenleben. Oder: Iss mehr Sachen mit Thymian.

Becher ohne Inhalt

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Ein leerer Becher steht am Straßenrand. Genau genommen ist es gar kein Becher, sondern ein Plastiktischfuß, wobei das auch nicht richtig ist, denn der Tisch hat hoffentlich seine Füße oder Beine noch, es ist eher die Ummantelung des Tischfußes, also ein Schuh. Der Schuh des Tisches, der nun ohne seine drei anderen Schwestern oder Brüder am Straßenrand steht.
Hätte ich vielleicht Geld hineinwerfen sollen? Der Schuh, Plastikfuß oder was auch immer könnte ja auch der Hut des weißen Farbflecks daneben sein, der für seine Performance um eine kleine Spende bittet. Oder eben der Künstler, der den Fleck hinterlassen hat. Das wäre auf jeden Fall mal ein Konzept für Straßenkünstler: Einfach ein Video oder Musik laufen lassen und einen Becher davor stellen und währenddessen selber ein Eis essen gehen.
Nur der untere Bildrand macht mir Sorgen: Diese dunkle Welle des Drecks, die an den Asphaltstrand schlägt, auf dem Fleck und Tischfuß sich gerade noch sonnen. Bald werden auch sie bedeckt sein von der Schicht aus Blättern und neu entstehendem Humus. Die Natur kommt zurück und nimmt keine Rücksicht auf Flecken und Füße.
Vielleicht ist der Fleck auch ein Raumschiff, der Tischfuß eine Raumstation und die dunkle Masse ein sich ausbreitendes schwarzes Loch?
Blödsinn. Die Kenner haben es gleich erkannt: Das ist eine Designer-Uhr. Der Tischfuß ist das Zentrum, der Fleck das Ende des Minutenzeigers und das Stückchen Dreck unter dem Fuß ist der Stundenzeiger. Und es ist eindeutig zwanzig vor sieben. Oder sechs. Gut, zwanzig vor halb sieben. Ist ja eine Designeruhr. Zwanzig vor halb sieben, also zehn nach sechs.
Der Fleck ist in Wahrheit der Kopf eines Affen. Eines Totenkopf-Affen. Die Fahne der Piraten-Affen. Und mit dem Becher sammeln sie Regenwasser, weil das Wasser der Straße nicht trinkbar ist. Sieht nicht gut aus mit dem Regenwasser-Sammeln. Denk also immer daran: Wenn auf der Straße ein leerer Plastiktischfuß steht, schütte ein bisschen Sprudel hinein, damit die Piraten-Affen nicht aussterben.

Die Blumen-Apokalypse

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Ein kleiner Blecheimer, aus dem etwas Blumenartiges hervorquillt – Das lief mir heute über den Weg. Dieser Anfangssatz ist natürlich in vielerlei Hinsicht verkehrt. Es ist kein Blecheimer, sondern ein blechener Blumentopf, den Profis wahrscheinlich Flower Presenter nennen, oder so, außerdem ist das, was herauswächst auch nicht wirklich eine Blume, sondern eine Art Kaktus, zumindest für so unbedarfte Naturforscher wie mich, und natürlich lief er mir nicht über den Weg, sondern stand einfach nur so rum. Aber was soll ich tun? Als der Natur entfremdeter Städter bleibt mir ja nichts übrig, als diesen Rest domestizierten Grüns mit unbeholfenem Gestammel zu beschreiben.
Blumen, die unkontrolliert aus einem Eimer wuchern – das fasziniert mich. Ein wohliger Schauder kitzelt meine Eingeweide, wenn ich mir vorstelle, wie dieses Eindringen der Pflanze in meine Welt unkontrolliert fortschreiten könnte. Binnen kürzester Zeit wäre der ganze Tisch bedeckt, Leute würden erst lachen und dann in Panik davon laufen, bevor die Welle des Wachstums sie verschlingt. Was für ein großartiger Tod. „Er wurde überwuchert.“ – das stand noch auf keinem Grabstein.
Dieses Horrorelement, dieses Einbrechen des Kontingenten in unsere Welt nahm mich für einen kurzen Moment gefangen.
Das anzig Traurige ist, dass es eben nicht passiert. Die schöne angekündigte Apokalypse findet nicht statt. Unsere Stadt wird nicht auf einmal von Blumen überwuchert oder von Eichhörnchen zu Tode gekuschelt. Weil wir als Menschen doch stärker sind. So verzweifelt man im Alltag gerne an der eigenen Überlegenheit der menschlichen Spezies, der nichts anderes übrig bleibt, als hier und da selbst ein bisschen angedeutete Apokalypse zu inszenieren, um das Leben mit ein bisschen Leben zu füllen.
Gut möglich, dass in unser Glas-Stahl-Beton-Welt bald noch mehr solche Auswüchse zu beobachten sind. „Das ist das neue Einkaufszentrum, an der oberen Ecke haben wir ein Stück Sumpf eingebaut, wohooo!“ Der Modetrend, ein Vogelnest auf dem Kopf zu tragen wird bald vielleicht gar keine abwertende Frisurenbezeichnung mehr sein, sondern ein Notwendigkeit.
Bis dahin freue ich mich an Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne. Ich sage weiterhin: Das war so schön! Da hinten stand ein Tulpe, also eigentlich nennt man es Löwenzahn, wenn man es genau nimmt, war es wissenschaftlich betrachtet ein Baumstumpf, aber für mich hat es die Funktion einer Pflanze, also keine Funktion zu haben, völlig erfüllt…