Das silberne Rauschen

IMG_20170505_105836
Diese Rohre verlaufen im Keller unter mir. Als ich zum ersten Mal davor stand, dachte ich: Ach ja, irgendsoein Rohr. Jetzt dachte ich: Warum sind diese profanen Rohre in Silber eingepackt? Eine herkömmliche Erklärung könnte lauten, dass sie so isoliert würden, gegen Wärmeabgabe, Lärm, Kälte, von der Gesellschaft, was auch immer.
Mir gefiel die Vorstellung, ihr silbern glitzerndes Gewand könnte noch eine tiefere Bedeutung haben. Vielleicht sind es jene geheimen Energiebahnen, die hier im Untergrund verlaufen, die ich Morgens verzweifelt anzuzapfen versuche. Ich simpler Geist suche eben immer an falscher Stelle: Über mir.
Ich frage mich, warum man sie in Silber gehüllt hat. Man hätte ja auch schwarz nehmen können oder rot. Ein einfacher Grund mag sein, dass sie so noch eher wie Rohre aussehen. Hätte man die Rohre in rot gehüllt, wäre am Ende der Eindruck entstanden, es handle sich hier um die Adern des Hauses. Mancher hätte darauf kommen können, den Puls zu fühlen, oder sich zur Transfusion anzuschließen. Schwarz umhüllt hätte man die Rohre leicht mit einem Kabel verwechseln können. Scharen von Menschen hätten verzweifelt nach einer Anschlussmöglichkeit für ihr Smartphone gesucht.
In Silber aber ist einem doch klar: Hier zirkuliert klare Flüssigkeit. Was auch nicht stimmt. Die Soße darin ist eher trübe und lauwarm. Die kalte Hülle vermittelt eine Sauberkeit, die es nicht gibt.
Insgeheim beschleicht mich die Lust, mich dennoch anzuschließen, mich mit dem Silber füllen zu lassen und al eine Art Terminator der kontingenten Welt des tristen Alltags entgegenzutreten. Dann denke ich wieder: Die Spur des Silbers führt auch nur in den nächsten Heizkörper.

Brandschutzmelder

IMG_2241
In meinem Zimmer hängt seit ein zwei Jahren dieser Brandschutzmelder. Das ist ja jetzt so Vorschrift. Der Brandschutzmelder war für mich zunächst ein Fanal der Einmischung in mein Privatleben: Was bildet diese Bundesregierung sich eigentlich ein? Mich zu zwingen, ein Gerät in mein Zimmer zu hängen! In mein Zimmer! Wahrscheinlich ist da noch eine Kamera drin, die mich überwacht! Und dann piepst das Ding sicher noch und blinkt jede Zehntelsekunde wie ein schlechtes Stroboskop! Und alles nur, damit die Gehirnwäsche endlich auch bei mir richtig greift und ich nichts anderes mehr will, als schnell in die nächste Shopping-Mall zu rennen, um irgendwas zu kaufen, das sofort wieder kaputt geht!
Jetzt muss ich zugeben: Das Ding ist völlig unscheinbar, es blinkt gefühlt einmal im Jahr. Es könnte mir vielleicht das Leben retten, wenn ich tatsächlich verschlafen sollte, dass es brennt. Das kann ich mir immer noch nicht vorstellen. Dass ich dieses Ereignis wirklich verpassen könnte.
Aber wer weiß? Vielleicht hat es auch schon zehn mal gebrannt bei mir, man rettete mich, räumte alles wieder auf und dachte: Wieder so einer, der glaubt, er würde es auf jeden Fall mitkriegen, wenn es bei ihm brennt. So konnte ich am eigenen Leib die Skepsis gegenüber technischen Neuerungen beobachten, die dann gerne in Verfolgungswahn mündet.
Vielleicht habe ich Unmengen von Dingen verpasst, weil ich immer dachte, jemand wolle mir Böses: Was ein Eis? Du willst mich vergiften! Du gehst mit mir ins Kino? Ha! Na klar! Damit ich dann Züge der Hauptperson übernehme und meine Persönlichkeit aufgebe! Ohne mich!
Gut möglich, dass all die Menschen, die mich anrufen und mir Versicherungen, Handyverträge und sonst was anbieten, wirklich nur mein Bestes wollen. Die Wahrheit ist: Die Welt ist kontingent. Es könnte eben doch immer beider der Fall sein.
Der Brandschutzmelder rettet mich vielleicht wirklich vor dem Feuertod und es könnte gleichzeitig trotzdem eine Wanze in ihm versteckt sein.

Das Loch in der Wand

IMG_2239
Dieses Loch ist seit neuestem in meiner Wand. Im Nebenzimmer ist gerade eine Baustelle. Die Wand, die bisher aus nicht viel mehr als einer Rigips-Platte bestand, soll endlich verstärkt werden, um zumindest die allerleisesten Geräusche nicht mehr in den Nebenraum zu übertragen. Auch die akustischen Verhältnisse in meiner Wohnung sind sicher berichtenswert, aber mir geht es zunächst um das Loch.
Nun könnte man sagen: Welches Loch? Schließlich sieht man ja kein Loch, das wirklich einen Raum dahinter frei gäbe. Vielmehr handelt es sich um ein Nicht-Loch, also ein Loch, das zwar ein Stück weit als solches zu erkennen ist, aber soweit geflickt wurde, dass es eine der Grundbedingungen des Loch-Seins nicht mehr erfüllt, also einen Durchgang zu einem anderen Raum freizugeben. Allerdings tun das beispielsweise Astlöcher auch nicht. Sie sehen zwar aus wie ein Loch im Ast, sind aber nicht viel mehre als eine Vertiefung im Holz. Für ein sehr kleines Lebewesen wie einen Baumfloh, oder was auch immer sonst so in dieser Natur lebt, wäre das natürlich schon ein Krater.
Das Nicht-Loch extsiet aber zweifelsohne und verursacht in mir trotz der unbestreitbaren Intaktheit der Wand ein Gefühl der Unruhe. Ich merke: Die Wände um mich herum sind nicht so abschließend wie sie sein sollten. Zwar besteht wie gesagt eine neue Wand, die sich hinter der alten abzeichnet, die auch viel dicker ist als die alte, dennoch verursacht mir das Fehlen der abgeschlossenen durchgängigen Oberfläche jenes Gefühl der Inintaktheit oder Unintaktheit, schon das Wort ist so unmöglich wie der Zustand.
In unserer Welt der Oberflächen stellt ein solches Loch einen Einbruch von Kontingenz, purer Gegenständigkeit der Welt, der für mich nur schwer zu ertragen ist. Ist aber nicht gerade ein unsauber geflicktes Loch der Zustand unserer Existenz? Sind es nicht gerade die To-Do-Listen, die hinter jedem abhakten Problem zehn neue in Aussicht stellen. Ist nicht gerade die geflickte Stelle in unserer Individualität, die Stelle, die uns individuell oder authentisch macht? Wie man zum Beispiel stets versucht, die eigene Schüchternheit zu überspielen und gerade in dem Moment, in dem nicht etwa die reine Schüchternheit sondern der Versuch des Überspielens sichtbar wird, sich selber am meisten offenbart.
Ich werde das Loch, das keines ist, auf jeden Fall als Monument meiner Individualität an der Wand bestehen lassen. Das ist übrigens ein amüsant narzistischer Gedanke. Schließlich habe ich selbst das Loch nicht verursacht, noch irgendetwas Anderes zu seiner Entstehung beigetragen. Ich identifiziere mich nur damit, weil es in meinem Zimmer ist. Genau genommen ist es nicht mal in meinem Zimmer, sondern daneben. Die Wand, die das Zimmer begrenzt, verläuft ja vor oder über dem Loch.
Es wird ein weiteres Mal zu ergründen sein, was mein Zimmer überhaupt mit mir zu tun hat und wo ich das Recht hernehme, es mein Zimmer zu nennen. Nun nehme ich Platz vor dem Loch, das keines ist und harre der Dinge, die es vielleicht verbergen könnte.

Kein WLAN

Heute ist mal wieder das WLAN ausgefallen, was mich wie alle postmodernen Wesen in eine Krise existentiellen Ausmaßes stößt. Die ganze Tagesstruktur, ein ausgeklügeltes System verschiedener Prokrastinationsanreize ist völlig aus den Fugen. Ich schreibe das hier gerade auf meinem Handy und fühle mich wie ein Strauchguerilla der Datenautobahn, weil ich dem Netzt doch noch ein bisschen Online-Zeit abgetrotzt habe.

Natürlich durchlief ich inzwischen eine endlos erscheinende Phase der Askese von zwei Stunden, in der ich gelobte, nie wieder die virtuellen Pforten des Netzes zu durchschreiten. War nicht alles Übel meiner Existenz aus diesem Quell der Ablenkung entsprungen? 

Mein fortwährendes Begehren nach Verbundenheit mit dem großen Etwas da draußen ließ mich andere Pfade einschlagen. Die Beschränkung des Zugangs macht mich produktiver als gedacht. Wenn die mir verfügbare Datentransfermenge schon nicht ausreicht, um ordentlich zu konsumieren, will ich wenigstens als kleiner Content-Erzeuger auf der Flosse des großen Online-Wals durch die Welt des öffentlichen Diskurses treiben.

Ist das alles nur ein Vorspiel zur großen Netzapokalypse? Wenn alles zusammenbricht und orientierungslose Wesen in unbrauchbaren Cyber-Sex-Anzügen hinter toten Datenbrillen durch stumme dunkle Straßen taumeln? Oder ist das nur der Kulturpessimismus, der eine Zeit verherrlicht, in der man immer nur die gewohnten Wege ging, weil es kein Navi für die unbekannten gab?

Auf jeden Fall kann ich euch sagen: Ja, ich war dort. Es gibt die alte Welt da draußen noch. Was für ein Abenteuer, harr, harr!

Taubenfederzweige

IMG_20170419_183859
Das hier habe ich auf meinem Heimweg gefunden. Ein ergötzliches Ensemble aus Taubenfedern und einer Art von Zweigen oder Nadeln, platziert in einer gekachelten Unterführung. Der Connaisseur erkennt leicht die Spannung zwischen rechteckiger Kachel und runden Zweignadeln. Es könnte fast ein Nest sein. Das Nest eines Vogels, der schlicht nicht einsehen will, dass Unterführungen sich nicht zum Nestbau eignen. Ein sturer Vogel. Sicher eine Taube, wo Tauben doch selbst vor spitzen Nadeln, die eigens zu ihrer Abwehr errichtet wurden nicht zurückschrecken.
Als wolle die Taube sagen: Das ist unser Haus! Also unsere Unterführung. Was wohl für Taubenküken in so eine Unterführung aufwachsen würden? Der erste Flugversuch wäre eine Herausforderung. Bemerkenswert aber auch, dass man als Mensch nun gleich denkt: Was für eine kalte Umgebung für einen Vogel. Auch als Mensch nimmt man das ja nicht als optimale einladende Umgebung wahr. Nur schreibt man der Taube, nach aktuellem Forschungsstand nicht viel mehr als eine seelenlose Sache, einen gleichsam höhere Naturverbundenheit zu.
Auch als Mensch müsste man sagen: Diese Unterführung muss beggrünt werden! Wir tapezieren sie mit Moos und Flechten, reißen die Kacheln herunter und lassen künstliche Tropfsteine wachsen und außerdem spielen wir Vogelgesang aus einem Lautsprecher ab! Das wäre mal eine Unterführung.
Ich bin so entfremdet von der Natur, dass ich auch gar nicht sagen kann, ob es sich bei den Planzenresten nun um Nadeln, Zweige oder etwa die Stoßzähne sehr kleiner und schmaler Elefanten handelt.
Gut möglich, dass in unseren Städten kleine Elefanten wohnen, die wir nur nie sehen, weil sie schnell sind wie der Wind und unser Blick nicht geschult darin ist, sie zu sehen. Wenn wir auch im urbanen Raum mit dem Unurbanen rechneten, fiele uns vielleicht noch viel mehr ins Auge außer Mikro-Elefanten – Hamstergiraffen, Affen mit alten Reifenfelgen als Kopfbedeckung, Kolibris mit USB-Anschluss…
Am Ende ist der ganze Haufen nur ein Produkt inkonsequenter Unterführungsreinigung. Oder der Unterführungskehrer sagte sich: „Warum immer nur fegen, wenn man auch Kunst machen kann? Ein paar Federn, diese Zweignadeldinger hier und ab gehts zur documenta!“
Nur weiß ich gar nicht, ob das wirklich Taubenfedern sind. Vielleicht auch konservierte April-Wolken. Dieser April wäre in einer Unterführung auf jeden Fall gut aufgehoben.

Die Fakirseife

IMG_20170415_150152
Das hier ist ein Stück Seife aus unserer WG. Ich finde die Anordnung bemerkenswert. Das Stück Seife liegt auf einer Art Gumminagelbrett. Man könnte jetzt sagen: Ja, die Seife soll eben nicht festkleben und trocken werden, damit nicht dieser komische Seifenschleim entsteht wie in anderen Ablagen. Die Anordnung hat aber auch einen symbolischen Charakter. Die Seife schwebt sozusagen. Das Ding soll ja mehr oder weniger durchsichtig sein. Die Seife, Inbegriff der Reinheit schwebt also sozusagen in der Luft, als habe sie magische Kräfte. Wie eine Gottheit.
Dabei ruht sie aber auf einem Gegenstand, der zugleich Weichheit und Härte bedeutet. Weichheit, weil es sich um eine Art von Plastik handelt, Härte, wegen der Nadeln, oder Nägel. Die Seife ruht wie ein Fakir permanent auf diesen Gumminadeln, als müsste sie eine Art Ritual des Schmerzes durchlaufen. Als wäre der einzige Moment der Befreiung aus diesem Schmerz der Akt des Benutzt-Werdens. Dabei ist der Schmerz aber wiederum nur angedeutet, weil die Nadeln stumpf sind. Ein gespielter Schmerz. Es gibt also eine Art doppelte Illusion: Es sieht so aus, als schwebe die Seife, obwohl sie nicht schwebt, wobei es aussieht als durchlebe sie einen Schmerz, den sie aber nicht durchlebt. Außerdem ruht die Schale selber wiederum auf Nadeln, so als müsse der Schmerz auch nach unten weitergegeben werden, was aber wiederum nicht wirklich passiert.
Hinzu kommt, dass die Seife selbst nicht etwas sauber ist, sondern eher schmuddelig. Die ganze vermeintlich göttliche Reinheit offenbart sich als ein großer Betrug. Vielmehr ist es eher umgekehrt. Eine dreckige Seife liegt faul herum, wobei sie so tut, als habe sie Schmerzen, um ab und zu hochgehoben zu werden, was wahrscheinlich selten passiert, weil sie dreckig ist.
Die Alternative wäre also ein Seife, die wirklich schwebt, dabei mit echten Nadeln gespickt ist und ständig benutzt wird, wodurch sich jeder an ihr verletzen würde.
Nun ist das alles nur meine verrückte Vorstellung. Was bringt mich dazu, in einer Seife eine Art Wesen des Reinheitsschmerzes zu sehen, anstatt zum Beispiel einen Plastikigel, der ein Stück dreckige Seife trägt wie eine Krone? Nun, das zweite Bild gefällt mir auf jeden Fall besser.
Geben wir also das Bild der Schmerzseife auf und feiern wir lieber König Seifenigel. Den Igel, der wissen wollte, wer ihm ein Stück Seife auf den Kopf gelegt hat…

Kleine Klinke auf große Klinke

IMG_2237Das hier ist ein Adapter von kleine Klinke auf große Klinke. Viele Menschen haben so etwas, weil sie ihren Kopfhörer irgendwo anschließen wollen. Ich habe jetzt nach langem Ringen auch einen. Ich tue mich schwer mit so Adaptern. Ich denke immer: Müsste es nicht möglich sein, dass alle Kabel überall passen? Dass man sein Kopfhörerkabel genau so in die Steckdose stecken kann wie ins Handy oder den USB-Anschluss am Computer? Ich weigere mich einzusehen, dass man immer noch ein Extrateil braucht.
Vielleicht bin ich da auch total unreif. Klar, die Welt kann eben nicht nur aus Dingen bestehen, die alle perfekt zueinander passen. Das ist ja eine kindliche Vorstellung, dass immer alles passt, dass alle einen lieben und dass man mit seinen magischen Kräften die Ampelschaltung beeinflussen kann, wenn man nur lange genug wartet.
Ich glaube, das ist es auch gar nicht, was mich stört. Was mich stört ist, dass einem immer suggeriert wird, es wäre alles ganz einfach. Es verkauft einem selten jemand einen Kopfhörer und sagt: Sie brauchen auf jeden Fall noch einen Adapter! Man hat eher den Eindruck, dass immer noch neue Kabelgrößen und Anschlüsse erfunden werden, die man mittels Adaptern dann wieder verbinden darf.
Meine Kritik ist natürlich ganz schön gemein gegenüber den Adaptern. Die können ja nichts dafür. Adapter sind richtig coole Typen. Die stellen die Verbindung her, ohne sich zu beschweren.
Vielleicht sollte ich selber mehr wie ein Adapter sein und sagen: Eine große Klinke und eine kleinen Klinke? Ach, das kriegen wir schon irgendwie verbunden. Ja, einfach mal Vermittler zwischen Gegensätzen sein! Du magst nur Schokolade und du nur Gemüse? Kein Problem, ich habe meinen kulinarischen Adapter dabei.
Da packt mich natürlich eine neue Fantasie: Die vom Universaladapter. Das eine Teil, das alles verbindet. Mit dem Ring der Macht im Herrn der Ringe war man ja schon nah dran.
Wenn ich das nächste Mal einen Adapter brauche, raste ich also nicht mehr aus, sondern sage: Man braucht einen Adapter, obwohl ich keinen Adapter haben will? Kein Problem, ich habe einen Adapter, der zwischen beiden Positionen wunderbar vermittelt.

Basischer Tee

IMG_2234Wenn ich eine Sache wirklich großartig finde, dann ist das Basen-Tee. Keine Angst, das hier soll keine Werbung werden, aber Basen-Tee ist einfach gut. Ich habe irgendwie aus Veranlagung oder so öfter mal ein bisschen Probleme mit meinem Magen und da ist Basen-Tee, Achtung, ich wiederhole mich, wirklich toll.
Was macht dieser Tee überhaupt? Irgendwie sorgt er dafür, dass die ganze überflüssige Säure sich auflöst, nicht mehr zu viel gebildet wird, oder so. Ich bin zu faul, das zu recherchieren, weil ich den Tee gerade getrunken habe und es mir viel zu gut geht, um mich mit Recherche zu stressen. Der Witz an Basen-Tee ist: Er ist total billig. Es ist kein Supermedikament oder so, einfach nur ein bisschen Schachtelhalm und Schafgarbe und noch ein par andere Sachen. Basen-Tee ist herrlich unspektakulär.
Warum singt außer mir hier kaum einer Loblieder auf Basen-Tee? Warum dieser Hype um Kaffee? Der Mensch braucht das Spektakel. Im Anbeginn der Zeit als die Getränke dem Menschen vorgeführt wurden, sah das vielleicht so aus:
– Das hier ist Basen-Tee, trinke ihn und ddu wirst immer gesund sein!
– Ja, ok, und was kann er noch?
– Ja, nichts. Du wirst ewig jung und gesund sein und kein Leid erfahren.
– Ja, und was weiter?
– Nichts.
– Hmm? Was habt ihr noch?
– Wir hätten hier noch Kaffee, der schmeckt krass geil, macht super wach, zu hohen Blutdruck, Magenprobleme und Knochenschwund.
– Den will ich!
Tja, so stelle ich mir das vor.
Es ist ein bisschen so, als hätte man gesagt:
– Also das hier ist der Frieden, da sind alle glücklich, haben keinen Stress und leben. Es ist nur ab und zu vielleicht ein bisschen langweilig. Und hier haben wir den Krieg, da sterben ganz viele, die Konsequenzen sind fürchterlich, ein paar ganz wenige haben etwas davon und es ist total aufregend.
– Na dann lasst und Krieg machen!
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich trinke auch gerne Kaffee.
Aber so ein bisschen mehr Basen-Tee täte der Welt glaube ich ganz gut.

Klebestreifen

IMG_2233Auf meiner Fensterbank liegt eine Rolle Paketklebeband. Ich muss sie mir irgendwann gekauft haben, als ich dachte: Jetzt verschicke ich mal ein richtig ordentlich zugeklebtes Paket. Schon merkwürdig, dass man für ein Paket ein extra Klebeband braucht. Man könnte ja auch einfach normalen Tesafilm nehmen.
Klar, das Klebeband ist breiter und ist ein bisschen flexibler. Jetzt liegt es eben auf meiner Fensterbank. Ich verschicke pro Jahr vielleicht ein oder zwei Pakete. Da wäre ich auch mit Tesafilm zurechtgekommen. Und das ist ja nur ein kleiner Winkel des großen Kosmos der Klebebänder. Es gibt ja noch viel mehr. Man nehme nur mal das Heiligtum jeden Nerds: Das Gaffa-Tape. Das Gaffa-Tape ist sozusagen der Triumph des ausdifferenzierten Klebebanddesigns. Die Gewebestruktur ist natürlich großartig um Kabel festzukleben, Schuhe zu flicken oder sich einen Zensiert-Balken über die Augen zu legen. Das wäre mit Tesa-Film tatsächlich nicht gegangen. Da sieht man ja durch.
Das Problem mit Klebeband ist nur, dass es immer irgendwo rumliegt, wo man es gerade nicht vermutet. Es verschwindet im Chaos des eigenen Haushalts und wenn man welches braucht, muss man wieder neues kaufen. Da freut sich der Kapitalismus.
Außer natürlich man ist einer dieser perfekten Menschen, die jetzt sagen: Wo ist das Problem? Meine Gaffa-Tape ist natürlich in der Gaffa-Tape-Schublade in meinem Klebeband-Schrank in meinem Verpackungsmaterial-Zimmer im Haushaltshelferschuppen.
Ich habe nach wie vor nur dieses Paketband auf der Fensterbank liegen. Ein ungenutztes Potential der Klebefähigkeit für den speziellen Fall des Pakets. So ein bisschen wie ein überqualifizierter Arbeitnehmer. „Was Sie sind gelerntes Paketklebeband? Tja, da habe ich leider nichts für Sie. Sie könnten eine Umschulung auf Gaffa-Tape machen.“
Vielleicht sollte ich auch kreativ damit umgehen. Ist ja auch nicht fair das Klebeband da so versauern zu lassen, nur weil ich gerade kein Paket zukleben muss. Ich könnte ja auch so viel Klebebandstreifen übereinander kleben, das daraus ein Ersatz-Stuhlbein wird. Das wäre schon mal ein Fortschritt.

Nicht ganz da

Ich sitze vor einem Bildschirm. Das ist vielleicht eine der typischsten Raumerfahrungen unserer Zeit. Man sitzt vor diesem vermeintlichen Fenster zur Welt. Während man das Fenster vor oder neben sich nur beiläufig beachtet. Das Netz, der Bildschirm, der Film. Alles Räume, die mir vorgaukeln, ich könnte sie betreten, ich würde in ihnen agieren ohne je meinen Körper mitzunehmen. Ohne je wirklich darin zu sein. Man erspart sich die Konsequenz, das Gebunden-Sein an einen Ort.
So wird einem nie ein Ort zum Gefängnis. Das wäre mal eine Idee: Ein Online-Knast. Warum überhaupt noch Gefängnisse bauen? Man könnte Leute schlicht dazu verdonnern, immer das gleiche öde Programm zu bedienen, eine Art Rollenspiel am Computer, in dem einfach gar nichts passiert. Man sieht nur die Zelle, kann ab und zu aufs Klo gehen. Ab und zu schaut der Wärter rein und bringt schlechtes Essen.
Man bindet sich am Bildschirm ja freiwillig an einen begrenzteren Raum. So als könnte man die Welt da draußen nicht aushalten. Nur um dann am Bildschirm mit dem ganzen echt abgefahrenen menschlichen Wahnsinn konfrontiert zu werden. Das ist vielleicht die üble Konsequenz des postmodernen Narzissmus: Der Mensch gestaltet die Welt immer mehr nach seinen Vorstellungen und ahnt, dass die Katastrophe darin liegen könnte, dass es klappt. Da hilft dann nur noch die Outdoor-Flucht.