Raum, irgendwo

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Manchmal muss man sich auch selber von den eigenen Routinen befreien. In letzter Zeit habe ich hier eifrig „Fundstücke“ vorgestellt, Dinge, die mir irgendwie über den Weg liefen. Heute dachte ich: Warum muss es immer um irgendeinen Gegenstand gehen? Kann ich nicht auch einmal meinem Geist erlauben, sich nicht an eine Sache zu hängen und so eine Art Souvenir des Denkens produzieren?
Es muss ja nicht immer einen Aufhänger geben. Man kann auch einfach so vermeintlich schlaue Sachen sagen wie: Atmen wir nicht alle ein bisschen? Bringen wir die Sache doch mal nicht auf den Punkt, sondern auf drei Punkte oder ein paar Kommas. Wenn ich sage: Ich habe keine Ahnung von gar nichts, ist das halt nicht gleich so catchy.
Dabei wäre es doch auch einmal etwas zu sagen: Das da erinnert mich an gar nichts, ich sehe diesen Fleck da zum ersten Mal.
Ja, heute ist so einer der Tage, wie ich noch nie einen hatte. Das Gefühl dazu gab es bisher gar nicht. Ich ging aus dem Haus, sah einen Grashalm und dachte: Kenn ich nicht. Ich war mir nicht mal sicher, ob es ein Grashalm war, vielleicht war es auch ein Autoreifen. Keine Ahnung, wie man ein Ding nennt, wenn man es zum ersten Mal sieht. Kleine Kinder haben es da leichter, die sagen wirklich irgendwas. Wir Erwachsenen behelfen uns vielleicht damit, einfach alles „Autoreifen“ zu nennen.
„Also gestern, ich meine Autoreifen, war alles Autoreifen, ich sah diesen Autoreifen, entschuldigung, ich meine, ich autoreifte diesen Autoreifen und da autoreifte es in mir: Der Autoreifen ist gar kein Autoreifen, sondern ein Autoreifen. Da war mir aber autoreifig zumute. Ich meine, da autoreifte Autoreifen aber autoreifig autoreifig, oder so. Oder Autoreifen.
Linguistisch gesehen ist es auf jeden Fall interessant. Die Welt wäre sicher ein bisschen besser, wenn wir alle nicht so an unseren Wörtern hängen würden, sondern auch mal sagen könnten: Die Autoreifen sicherten wärer, wenn alle Bisschen dem Besseren Lebewohl sagten.
Vielleicht sollte ich gar nicht mehr schreiben, sondern Autoreifen herstellen. Und mich fragen, warum ich alle Wörter ausgerechnet durch „Autoreifen“ ersetzen will. Vielleicht weil ein Autoreifen auch nur die Umkränzung eines Nichts darstellt. Oder weil man mit einem Autoreifen überall hinkommt. Gerade wenn er alles bedeuten kann.

Der Kleiderbügel auf der Mauer

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Dieser Kleiderbügel begrüßte mich mit einem seiner Flügel winkend, als ich unsere Straße entlangwandelte. Die Mauer zieht sich die halbe Straße entlang und war einst die Hofmauer einer Kaserne. Auf der Mauer finden sich immer noch alte Botschaften der Soldaten, eingeritzt in die Steine: „P & U“ zum Beispiel, was sicher ein Geheimcode für etwas Großartiges ist. Auf diesem Wall der Erinnerung flatterte der Kleiderbügel vom Wind mal auf die eine, mal die andere Seite geworfen.
Bei genauerem Hinsehen frage ich mich, ob es sich wirklich um einen Kleiderbügel handelt oder nicht vielmehr den Lenker eines sehr kleinen zierlichen Fahrrades. Oder er ist eine Art Wünschelrute mit Kleiderhaken-Antenne, die keine Wasseradern aufspürt, sondern versteckte Textil-Reserven.
Wer ließ ihn zurück? Handelte es sich hier um den Ruf zum Abenteuer, den ich verpasste, weil ich nur ein Foto machte? Wahrscheinlich doch nur Müll. So lautet die traurige Botschaft in unserer Zeit zu fast jedem Fundstück: Wahrscheinlich doch nur Müll. Alles was sinnlos herumliegt, muss wohl Müll sein. Selbst wenn es auf einer Mauer aus Urzeiten liegt und vielleicht ein Wegweiser in entfernte Galaxien voller Minifahrräder ist.
Andererseits schaut man vielleicht auch aus der fernen Galaxie auf unsere Welt und hält alles, was nicht ähnlich zweckmäßig ist wie der Textilaufspürkleiderbügelfahrradlenker für Müll, also so ziemlich alles. Da tröstet vielleicht doch eher der Gedanke, dass diese Installation einfach gar keinen Sinn hat. Dass hier auf der Mauer der Geschichte ein Etwas liegt, das unbestimmt bleiben darf. Dann lag dort auf der Mauer der Schlüssel zum fernen Reich des Unbestimmten, in dem ein Kleiderbügel nicht nur ein Fahrradlenker sein könnte, sondern auch die kunstvoll gebaute Hakenhand eines Piratenkapitäns.

Das silberne Rauschen

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Diese Rohre verlaufen im Keller unter mir. Als ich zum ersten Mal davor stand, dachte ich: Ach ja, irgendsoein Rohr. Jetzt dachte ich: Warum sind diese profanen Rohre in Silber eingepackt? Eine herkömmliche Erklärung könnte lauten, dass sie so isoliert würden, gegen Wärmeabgabe, Lärm, Kälte, von der Gesellschaft, was auch immer.
Mir gefiel die Vorstellung, ihr silbern glitzerndes Gewand könnte noch eine tiefere Bedeutung haben. Vielleicht sind es jene geheimen Energiebahnen, die hier im Untergrund verlaufen, die ich Morgens verzweifelt anzuzapfen versuche. Ich simpler Geist suche eben immer an falscher Stelle: Über mir.
Ich frage mich, warum man sie in Silber gehüllt hat. Man hätte ja auch schwarz nehmen können oder rot. Ein einfacher Grund mag sein, dass sie so noch eher wie Rohre aussehen. Hätte man die Rohre in rot gehüllt, wäre am Ende der Eindruck entstanden, es handle sich hier um die Adern des Hauses. Mancher hätte darauf kommen können, den Puls zu fühlen, oder sich zur Transfusion anzuschließen. Schwarz umhüllt hätte man die Rohre leicht mit einem Kabel verwechseln können. Scharen von Menschen hätten verzweifelt nach einer Anschlussmöglichkeit für ihr Smartphone gesucht.
In Silber aber ist einem doch klar: Hier zirkuliert klare Flüssigkeit. Was auch nicht stimmt. Die Soße darin ist eher trübe und lauwarm. Die kalte Hülle vermittelt eine Sauberkeit, die es nicht gibt.
Insgeheim beschleicht mich die Lust, mich dennoch anzuschließen, mich mit dem Silber füllen zu lassen und al eine Art Terminator der kontingenten Welt des tristen Alltags entgegenzutreten. Dann denke ich wieder: Die Spur des Silbers führt auch nur in den nächsten Heizkörper.

Brandschutzmelder

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In meinem Zimmer hängt seit ein zwei Jahren dieser Brandschutzmelder. Das ist ja jetzt so Vorschrift. Der Brandschutzmelder war für mich zunächst ein Fanal der Einmischung in mein Privatleben: Was bildet diese Bundesregierung sich eigentlich ein? Mich zu zwingen, ein Gerät in mein Zimmer zu hängen! In mein Zimmer! Wahrscheinlich ist da noch eine Kamera drin, die mich überwacht! Und dann piepst das Ding sicher noch und blinkt jede Zehntelsekunde wie ein schlechtes Stroboskop! Und alles nur, damit die Gehirnwäsche endlich auch bei mir richtig greift und ich nichts anderes mehr will, als schnell in die nächste Shopping-Mall zu rennen, um irgendwas zu kaufen, das sofort wieder kaputt geht!
Jetzt muss ich zugeben: Das Ding ist völlig unscheinbar, es blinkt gefühlt einmal im Jahr. Es könnte mir vielleicht das Leben retten, wenn ich tatsächlich verschlafen sollte, dass es brennt. Das kann ich mir immer noch nicht vorstellen. Dass ich dieses Ereignis wirklich verpassen könnte.
Aber wer weiß? Vielleicht hat es auch schon zehn mal gebrannt bei mir, man rettete mich, räumte alles wieder auf und dachte: Wieder so einer, der glaubt, er würde es auf jeden Fall mitkriegen, wenn es bei ihm brennt. So konnte ich am eigenen Leib die Skepsis gegenüber technischen Neuerungen beobachten, die dann gerne in Verfolgungswahn mündet.
Vielleicht habe ich Unmengen von Dingen verpasst, weil ich immer dachte, jemand wolle mir Böses: Was ein Eis? Du willst mich vergiften! Du gehst mit mir ins Kino? Ha! Na klar! Damit ich dann Züge der Hauptperson übernehme und meine Persönlichkeit aufgebe! Ohne mich!
Gut möglich, dass all die Menschen, die mich anrufen und mir Versicherungen, Handyverträge und sonst was anbieten, wirklich nur mein Bestes wollen. Die Wahrheit ist: Die Welt ist kontingent. Es könnte eben doch immer beider der Fall sein.
Der Brandschutzmelder rettet mich vielleicht wirklich vor dem Feuertod und es könnte gleichzeitig trotzdem eine Wanze in ihm versteckt sein.

Das Loch in der Wand

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Dieses Loch ist seit neuestem in meiner Wand. Im Nebenzimmer ist gerade eine Baustelle. Die Wand, die bisher aus nicht viel mehr als einer Rigips-Platte bestand, soll endlich verstärkt werden, um zumindest die allerleisesten Geräusche nicht mehr in den Nebenraum zu übertragen. Auch die akustischen Verhältnisse in meiner Wohnung sind sicher berichtenswert, aber mir geht es zunächst um das Loch.
Nun könnte man sagen: Welches Loch? Schließlich sieht man ja kein Loch, das wirklich einen Raum dahinter frei gäbe. Vielmehr handelt es sich um ein Nicht-Loch, also ein Loch, das zwar ein Stück weit als solches zu erkennen ist, aber soweit geflickt wurde, dass es eine der Grundbedingungen des Loch-Seins nicht mehr erfüllt, also einen Durchgang zu einem anderen Raum freizugeben. Allerdings tun das beispielsweise Astlöcher auch nicht. Sie sehen zwar aus wie ein Loch im Ast, sind aber nicht viel mehre als eine Vertiefung im Holz. Für ein sehr kleines Lebewesen wie einen Baumfloh, oder was auch immer sonst so in dieser Natur lebt, wäre das natürlich schon ein Krater.
Das Nicht-Loch extsiet aber zweifelsohne und verursacht in mir trotz der unbestreitbaren Intaktheit der Wand ein Gefühl der Unruhe. Ich merke: Die Wände um mich herum sind nicht so abschließend wie sie sein sollten. Zwar besteht wie gesagt eine neue Wand, die sich hinter der alten abzeichnet, die auch viel dicker ist als die alte, dennoch verursacht mir das Fehlen der abgeschlossenen durchgängigen Oberfläche jenes Gefühl der Inintaktheit oder Unintaktheit, schon das Wort ist so unmöglich wie der Zustand.
In unserer Welt der Oberflächen stellt ein solches Loch einen Einbruch von Kontingenz, purer Gegenständigkeit der Welt, der für mich nur schwer zu ertragen ist. Ist aber nicht gerade ein unsauber geflicktes Loch der Zustand unserer Existenz? Sind es nicht gerade die To-Do-Listen, die hinter jedem abhakten Problem zehn neue in Aussicht stellen. Ist nicht gerade die geflickte Stelle in unserer Individualität, die Stelle, die uns individuell oder authentisch macht? Wie man zum Beispiel stets versucht, die eigene Schüchternheit zu überspielen und gerade in dem Moment, in dem nicht etwa die reine Schüchternheit sondern der Versuch des Überspielens sichtbar wird, sich selber am meisten offenbart.
Ich werde das Loch, das keines ist, auf jeden Fall als Monument meiner Individualität an der Wand bestehen lassen. Das ist übrigens ein amüsant narzistischer Gedanke. Schließlich habe ich selbst das Loch nicht verursacht, noch irgendetwas Anderes zu seiner Entstehung beigetragen. Ich identifiziere mich nur damit, weil es in meinem Zimmer ist. Genau genommen ist es nicht mal in meinem Zimmer, sondern daneben. Die Wand, die das Zimmer begrenzt, verläuft ja vor oder über dem Loch.
Es wird ein weiteres Mal zu ergründen sein, was mein Zimmer überhaupt mit mir zu tun hat und wo ich das Recht hernehme, es mein Zimmer zu nennen. Nun nehme ich Platz vor dem Loch, das keines ist und harre der Dinge, die es vielleicht verbergen könnte.

Kein WLAN

Heute ist mal wieder das WLAN ausgefallen, was mich wie alle postmodernen Wesen in eine Krise existentiellen Ausmaßes stößt. Die ganze Tagesstruktur, ein ausgeklügeltes System verschiedener Prokrastinationsanreize ist völlig aus den Fugen. Ich schreibe das hier gerade auf meinem Handy und fühle mich wie ein Strauchguerilla der Datenautobahn, weil ich dem Netzt doch noch ein bisschen Online-Zeit abgetrotzt habe.

Natürlich durchlief ich inzwischen eine endlos erscheinende Phase der Askese von zwei Stunden, in der ich gelobte, nie wieder die virtuellen Pforten des Netzes zu durchschreiten. War nicht alles Übel meiner Existenz aus diesem Quell der Ablenkung entsprungen? 

Mein fortwährendes Begehren nach Verbundenheit mit dem großen Etwas da draußen ließ mich andere Pfade einschlagen. Die Beschränkung des Zugangs macht mich produktiver als gedacht. Wenn die mir verfügbare Datentransfermenge schon nicht ausreicht, um ordentlich zu konsumieren, will ich wenigstens als kleiner Content-Erzeuger auf der Flosse des großen Online-Wals durch die Welt des öffentlichen Diskurses treiben.

Ist das alles nur ein Vorspiel zur großen Netzapokalypse? Wenn alles zusammenbricht und orientierungslose Wesen in unbrauchbaren Cyber-Sex-Anzügen hinter toten Datenbrillen durch stumme dunkle Straßen taumeln? Oder ist das nur der Kulturpessimismus, der eine Zeit verherrlicht, in der man immer nur die gewohnten Wege ging, weil es kein Navi für die unbekannten gab?

Auf jeden Fall kann ich euch sagen: Ja, ich war dort. Es gibt die alte Welt da draußen noch. Was für ein Abenteuer, harr, harr!

Taubenfederzweige

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Das hier habe ich auf meinem Heimweg gefunden. Ein ergötzliches Ensemble aus Taubenfedern und einer Art von Zweigen oder Nadeln, platziert in einer gekachelten Unterführung. Der Connaisseur erkennt leicht die Spannung zwischen rechteckiger Kachel und runden Zweignadeln. Es könnte fast ein Nest sein. Das Nest eines Vogels, der schlicht nicht einsehen will, dass Unterführungen sich nicht zum Nestbau eignen. Ein sturer Vogel. Sicher eine Taube, wo Tauben doch selbst vor spitzen Nadeln, die eigens zu ihrer Abwehr errichtet wurden nicht zurückschrecken.
Als wolle die Taube sagen: Das ist unser Haus! Also unsere Unterführung. Was wohl für Taubenküken in so eine Unterführung aufwachsen würden? Der erste Flugversuch wäre eine Herausforderung. Bemerkenswert aber auch, dass man als Mensch nun gleich denkt: Was für eine kalte Umgebung für einen Vogel. Auch als Mensch nimmt man das ja nicht als optimale einladende Umgebung wahr. Nur schreibt man der Taube, nach aktuellem Forschungsstand nicht viel mehr als eine seelenlose Sache, einen gleichsam höhere Naturverbundenheit zu.
Auch als Mensch müsste man sagen: Diese Unterführung muss beggrünt werden! Wir tapezieren sie mit Moos und Flechten, reißen die Kacheln herunter und lassen künstliche Tropfsteine wachsen und außerdem spielen wir Vogelgesang aus einem Lautsprecher ab! Das wäre mal eine Unterführung.
Ich bin so entfremdet von der Natur, dass ich auch gar nicht sagen kann, ob es sich bei den Planzenresten nun um Nadeln, Zweige oder etwa die Stoßzähne sehr kleiner und schmaler Elefanten handelt.
Gut möglich, dass in unseren Städten kleine Elefanten wohnen, die wir nur nie sehen, weil sie schnell sind wie der Wind und unser Blick nicht geschult darin ist, sie zu sehen. Wenn wir auch im urbanen Raum mit dem Unurbanen rechneten, fiele uns vielleicht noch viel mehr ins Auge außer Mikro-Elefanten – Hamstergiraffen, Affen mit alten Reifenfelgen als Kopfbedeckung, Kolibris mit USB-Anschluss…
Am Ende ist der ganze Haufen nur ein Produkt inkonsequenter Unterführungsreinigung. Oder der Unterführungskehrer sagte sich: „Warum immer nur fegen, wenn man auch Kunst machen kann? Ein paar Federn, diese Zweignadeldinger hier und ab gehts zur documenta!“
Nur weiß ich gar nicht, ob das wirklich Taubenfedern sind. Vielleicht auch konservierte April-Wolken. Dieser April wäre in einer Unterführung auf jeden Fall gut aufgehoben.